Mit Erschrecken sehe ich mir all die positiven Wertungen an und stelle mir die Frage, ob die daraus resultieren, dass das Original von 1961 schon so lange her ist und vielleicht nicht von allen gekannt wird? Schon bei der News, Steven Spielberg würde das von Leonard Bernstein komponierte Musical neu inszenieren, ergab sich bei mir die Frage – nicht nur, warum Spielberg gefühlt seit "München" keine wirklich guten Filme mehr inszeniert bekommt und dennoch sämtliche Preise abräumt, Stichwort: Oscars, sondern vor allem –, warum man das machen muss? Das Musical ist an sich schon ein Meilenstein, da dürften sich all die kitschigen Andrew Lloyd Webbers und Disney-Vermarkter mal eine Scheibe von abschneiden. Das ist Oper in einer neuen, modernen Zeit gedacht. Aber auch der Film von Robert Wise ist so gut – mit 10 gewonnenen Oscars –, dass ich einfach nicht verstehe, warum man das noch einmal machen wollte? Gibt es sonst keine Stoffe da draußen?
Vorneweg: Ja, das ist schick gefilmt von Spielberg, sieht alles gut aus, die Tanzperformances und Gesangsparts sind gut. Aber das sind sie auch bei einer x-beliebigen Inszenierung am Brodway, da muss ich nicht ins Kino dafür.
Daneben wurde es für mich extrem ärgerlich und, zugegeben, der Film von 1961 gehört zu meinen liebsten Filmen, ich habe ihn unzählige Male gesehen. Spielberg will hier das Dilemma, eine bereits perfekt inszenierte Geschichte noch einmal erzählen zu wollen, damit umgehen, dass er zwischen die bekannten Musicalnummern völlig beliebige und nicht relevante Szenen einfügt, in denen die Figuren dann mehr "Story" bekommen und mehr Interaktionen haben, wie im 1961er Film von Wise. (Meinen ersten Schreikrampf hatte ich bei der Szene im Ballhaus, als Chino ungelenk vor Maria zum Tanzen anfängt, Horro! Soll das witzig sein? Spielberg zerstört damit den magischen Augenblick des 1961er Films!) Aber das wirkt so platt und ist so sehr in Schubladen gedacht, da werden so viele Klischees aufgetan, dass man diesen Versuch Spielbergs einfach entlarven muss als das, was es ist: Eine bereits perfekte Geschichte neu erzählen zu wollen und deshalb etwas dazu erfinden zu müssen, was die Story verändert, aber nicht besser macht, sondern das Ganze glättet, die harten Kanten abfeilt, das sperrige Romeo-und-Julia-Drama mainstreamiger macht.
Letzteres setzt sich bei den Schauspielern fort oder wie will man erklären, dass "Baby Driver" Ansel Elgort hier Tony spielt? Tony, der wegen einer Gewalttat vorbestraft ist, der einmal der knallharte und brutale Anführer der Jets war, der im 1961er Original ein riesiger Schrank mit riesigen Händen ist und schon aufgrund seiner Physis Angst einjagen kann, dann aber gegenüber seiner Liebe Maria ganz weich wird. Das kann Elgort, obwohl im Vergleich zur kleinen Rachel Zegler körperlich hoch, gar nicht darstellen, einen noch softeren Jungschauspieler hätte Spielberg kaum wählen können! Außerdem heißt Tony Tony, weil er eigentlich ein Antonio ist und italienische Wurzeln hat. Ansel Elgort sieht so italienisch-stämmig aus, wie ich irisch! Ich verstehe auch nicht, wie immer lobend erwähnt wird, dass der Cast der 2021er Version diverser sei und die puertorikanischen Figuren nun auch von Schauspieler_innen dieser Herkunft verkörpert würden: Rachel Zegler als Maria kommt aus New Jersey, Ariana DeBose als Anita stammt aus North Carolina und David Alvarez als Bernardo stammt aus Kanada. Lediglich Rita Moreno stammt von den Hauptfiguren tatsächlich aus Puerto Rico, aber geschenkt, 1961 war man eben noch nicht divers, dann müsste man sämtliches Filmschaffen der damaligen Zeit so kritisch beleuchten. Zudem gehört Puerto Rico schon lange zu den USA, es sind also ohnehin alles US-Amerikaner_innen. Oder aber, die seltsamen Amazon-Richtlinien, die vor knapp einem Jahr öffentlich wurden, nach denen nur noch Schwule einen schwulen Charakter und nur noch Asiaten einen asiatischen Charakter mimen dürfen usw., wären doch richtig und künftig wird Casting dann ganz schön schwierig. Dann doch lieber komplett divers sein und auf alle Schubladen verzichten und es so machen, wie in der Serie "The Great", in der russische Adelige von Afro-Amerikanern, Asiatischstämmigen oder Indischstämmigen Menschen verkörpert werden.
Ich gebe zu, ich musste abschalten, ich konnte dem Film nicht weiter folgen, mir ging diese nette Spielberg-Variante von einem meiner liebsten Filme und meinem liebsten Musical tierisch auf die Nerven. Somit ist meine Wertung noch subjektiver als sonst und komplett ungerecht, denn vielleicht wird der Film ja ab der Stelle, ab der ich wutentbrannt den Stream beenden musste, richtig toll, dass er es verdient hätte, bei den diesjährigen Oscars anderen Filmen bzw. Filmemachern, die gar nicht nominiert sind, einen Platz wegzunehmen im Rennen um den "Besten Film" oder "Beste Regie".